Hätte mir jemand vor 10 Jahren gesagt, dass ich einmal als "persönliche Expertin" zum Thema Scheitern Interviews geben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Das Thema Scheitern war damals für mich so gesehen "kein Thema". Ich wollte grade ein eigenes Café mit wenig Geld und großen Hoffnungen eröffnen und das Letzte, woran ich dachte, war, mich damit im großen Stil auf die Nase zu legen. Ich wurde eines Besseren belehrt. Eine durchstandene Privatinsolvenz plus Restschuldbefreiung später weiß ich heute nun: Scheitern ist Scheiße. Es macht viel mit der Persönlichkeit und zieht einen Rattenschwanz an "unangenehmen Nebenwirkungen" mit sich wie Depressionen, Einsamkeit und Armut. Scheitern gehört zu den in unserer Gesellschaft immer noch mit Scham und Schande besetzten unliebsamen Ereignissen im Leben, die man tunlichst vermeiden möchte.

Nachdem ich mich die ersten Jahre in der Insolvenz eingeigelt und meine "Schande" nach außen hin gut vertuscht habe, bin ich irgendwann damit in die Offensive bzw. Öffentlichkeit gegangen. Ich bin von jeher eine Kämpfernatur gewesen. Ich wollte mich nicht damit anfreunden, das alles einfach nur so hinnehmen zu müssen. Ich hatte das Bedürfnis, über "die Sache" zu sprechen. Intuitiv habe ich mich bei der Fuckup Night Berlin als Sprecherin gemeldet und mir meine Erlebnisse auf einer Bühne von der Seele geredet. Dass dies von Spiegel online gefilmt wurde, wusste ich vorher zum Glück nicht, weil ich dann sicherlich noch mehr Angst vor meinem Auftritt gehabt hätte. Unbegründet wie sich später herausgestellt hat. Seitdem folgten sogar in unregelmäßigen Abständen immer wieder Interviews von mir für "MENSCHEN BEI MAISCHBERGER", DIE ZEIT online, DUMMY und EMOTION.

Ich hätte nie gedacht, dass es die Menschen interessiert, was ich "unbekanntes Mädchen aus dem Rheinland - gescheitert in Berlin mit einem Café" zu sagen habe. Aber offenbar ist meine schonungslose Ehrlichkeit, mit dem Thema Scheitern als Betroffene umzugehen genau  das, was die Menschen berührt. Ich wehre mich nicht mehr dagegen sondern habe mich damit versöhnt und sehe es mittlerweile fast auch als meine Mission an, den Menschen etwas von mir mitzugeben. Denn als einstmals unbändiges Wildpferd strotze ich langsam nun endlich wieder vor Kraft und Zuversicht. Ich bin froh, dass ich, auch wenn ein Teil in mir zerbrochen ist, immer noch genügend Leben und Energie in mir verspüre, um wieder mit Tempo durch mein Leben zu galoppieren und die schönen Seiten zu genießen. Es ist nie zu spät, das eigene Leben neu zu beginnen - selbst wenn man mal richtig auf die Schnauze gefallen ist! Manchmal dauert es leider eine gewisse Zeit, sich wieder aufzurappeln. So sehr das Licht am Ende des Tunnels auch manchmal in weiter Ferne scheint - ich sage euch: Gebt nicht auf! Niemals! Ihr werdet es wieder klar sehen. So wie ich meinen beschwerlichen Weg gegangen bin und endlich wieder glücklich sein kann. Und meinem Traum von "Mann, Mops und Meer" entgegenreite.

Eure Martina